800 Shows, eine lange Pause und ein 20-jähriges Bühnenjubiläum: Bonaparte sind zurück. Mit Geburtstagstorte, Champagnerduschen, einem schwarzen Schwan und einer Show, bei der nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne ordentlich gefeiert wurde.

Manche Bands spielen Konzerte. Andere veranstalten einen Ausnahmezustand. Und dann gibt es Bonaparte. Nach über 800 Shows und einer längeren Pause ist Tobias Jundts musikalischer Zirkus zurück auf Tour. Gefeiert wird das 20-jährige Bühnenjubiläum – standesgemäß mit einer riesigen Geburtstagstorte, jeder Menge Irrsinn und einer Show, bei der die Grenzen zwischen Bühne und Publikum immer wieder verschwimmen.

Bei Bonaparte reicht es nicht, einfach die Kerzen auszublasen und ein paar Songs zu spielen. Hier muss es knallen, überraschen und im besten Fall völlig aus dem Ruder laufen. Genau das macht diesen Zirkus seit zwei Jahrzehnten aus.
Die Show in Stuttgart wurde zu einem Abend, an dem nicht nur die Band auf der Bühne, sondern auch das Publikum davor einen Riesenspaß hatte. Es wurde getanzt, gelacht, mitgemacht und gemeinsam gefeiert. Bonaparte sind zurück – und sie haben offensichtlich nichts von ihrer Lust am gepflegten Wahnsinn verloren.

Erst einmal ordentlich Geburtstag feiern: Bleach heizt ein

Bevor Bonaparte selbst die Manege betreten, gehört die Bühne Bleach. Die Dragqueen aus Großbritannien hat den Auftrag, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. Und sie nimmt ihn mehr als ernst.

Mit Songs wie „Release Your Homosexual Potential“ wird das Publikum nicht lange zum stillen Zuschauen eingeladen. Bleach fordert dazu auf, die eigene Homosexualität zumindest für die Dauer des Songs auszuleben. Oder, ganz im Sinne dieser Show: einfach die üblichen Grenzen im Kopf vergessen und mitmachen.

Zwischen Drag, Provokation und Humor entsteht eine ausgelassene Stimmung. Bleach weiß, wie man Menschen aus der Reserve lockt, und macht aus dem Support einen eigenen kleinen Exzess.

Bleach © About Musïc | Stephanie Bauer

Und weil es an diesem Abend schließlich etwas zu feiern gibt, darf ein Geburtstagsständchen nicht fehlen. Bleach wünscht Bonaparte Happy Birthday, und die Halle stimmt gemeinsam ein. Ein schöner Moment, der bereits vor dem eigentlichen Hauptact klarstellt, worum es an diesem Abend geht: um Gemeinschaft, Freiheit und die Freude daran, sich zusammen auf etwas Verrücktes einzulassen.

Die Stimmung ist gesetzt. Jetzt kann der Zirkus kommen.

Eine Torte, ein rotes Cape und jede Menge Wahnsinn

Im Hintergrund wartet bereits der Blickfang des Abends: eine riesige Geburtstagstorte. Keine gewöhnliche Dekoration, sondern ein Versprechen. Schließlich soll die Band daraus auf die Bühne springen.

Dann geht es los.

Tobias Jundt erscheint mit rotem Cape und Maske – eine Erscheinung, die Erinnerungen an frühere Bonaparte-Zeiten weckt. Der erste Song: Anti Anti. Ein programmatischer Einstieg, denn Bonaparte waren schon immer eine Absage an das Gewöhnliche, an musikalische Schubladen und an die Vorstellung, ein Konzert müsse sich an irgendwelche Regeln halten.

Beim zweiten Song fällt die Maske. Darunter kommt allerdings keine gewöhnliche Bühnenvisage zum Vorschein, sondern eine schwarze Sturmhaube. Die Verwandlung ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Bonaparte spielen mit Identitäten, Bildern und Erwartungen. Was bleibt, ist eine Figur, die sich nie ganz greifen lässt.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Rund um Jundt wirbelt die Zirkus-Crew. Mit dabei sind Lulu Rafano und Mad Kate, die schon früher Teil dieser schrägen Welt waren. Ihre Rückkehr verleiht der Show etwas Vertrautes, ohne sie in Nostalgie versinken zu lassen. Es fühlt sich vielmehr an, als würde eine alte Gemeinschaft wieder zusammenfinden, um gemeinsam die Regeln des Alltags außer Kraft zu setzen.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Dabei ziehen die Crewmitglieder immer wieder die Blicke auf sich. Auf der Bühne ist ständig etwas los, ständig verschiebt sich der Fokus. Bonaparte ist kein Konzert, bei dem man sich entspannt zurücklehnt und darauf wartet, dass der nächste Song beginnt. Die Show lebt von ihren Figuren, von Bewegung und von der permanenten Unberechenbarkeit des Geschehens.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Wer hier nur auf die Musik achtet, verpasst mindestens die Hälfte.

Mad Kate und ihr schwarzer Schwan

Ein besonders skurriler Auftritt gelingt Mad Kate, die mit einem aufgeblasenen schwarzen Schwan über dem Publikum schwebt.
Während sich die Blicke nach oben richten, gleitet Mad Kate auf ihrem ungewöhnlichen Gefährt über die Köpfe der Stuttgarter hinweg. Eine Szene irgendwo zwischen absurdem Traum, Performancekunst und Kinderzimmerfantasie – und damit wie gemacht für Bonaparte.

Solche Momente sind es, die den Abend ausmachen. Man weiß nie, was als Nächstes passiert. Eben noch steht man mitten in einem Konzert, im nächsten Augenblick schaut man einem schwarzen Schwan hinterher, der samt Passagier über die Menge hinwegzieht.

Bonaparte setzen nicht einfach auf eine spektakuläre Lichtshow oder perfekt choreografierte Abläufe. Sie erschaffen eine eigene Welt, in der das Absurde selbstverständlich wird und die Fantasie keine Grenzen kennt.

Reise nach Jerusalem statt Verschnaufpause

Wer dachte, bei Bonaparte gäbe es zwischen den Songs vielleicht einmal kurz Zeit zum Durchatmen, kennt diesen Zirkus schlecht.

Zwischendurch wird das Konzert kurzerhand zur Spielshow umfunktioniert. Einige Fans aus dem Publikum dürfen auf die Bühne, um sich einer Runde „Reise nach Jerusalem“ zu stellen. Stühle, Musik und die altbekannte Regel: Wer keinen Platz erwischt, fliegt raus.

Was andernorts vielleicht als Kindergeburtstag durchgehen würde, wird bei Bonaparte zum nächsten Kapitel des Bühnenwahnsinns. Mit jeder Runde lichtet sich das Feld, bis schließlich eine Gewinnerin feststeht. Ihr Preis: ein Poster. Ein Souvenir für die heimische Wand und der Beweis, dass sich der Einsatz auf der Bühne gelohnt hat.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Doch auch die Ausgeschiedenen gehen nicht einfach leer aus. Sie werden kurzerhand zu Marilyn Monroe verwandelt. Eine kleine Hommage an die Filmikone – und natürlich eine weitere Gelegenheit, mit Erwartungen zu spielen und das Publikum in den eigenen Zirkus hineinzuziehen.

Bei Bonaparte ist eben selbst die Pause eine Show.

Champagner, Häppchen und ein Stagedive über die Stuttgarter

Dass bei Bonaparte die Bühne nicht als unüberwindbare Grenze zwischen Künstlern und Publikum gedacht ist, zeigt sich den ganzen Abend über.

Während des Konzerts werden Häppchen von der Bühne ins Publikum gereicht. Livemusik trifft auf kleine kulinarische Überraschungen – schließlich soll bei einer ordentlichen Geburtstagsfeier niemand hungrig bleiben.

Doch damit nicht genug. Zum Ende hin gibt es Champagnerduschen für das Publikum. Statt eines gemütlichen Ausklangs wird noch einmal ordentlich aufgefahren. Es spritzt, es wird gelacht, und die Feierlaune kennt kaum Grenzen.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Auch Tobias Jundt sucht die Nähe zur Menge nicht nur aus sicherer Entfernung. Er stürzt sich ins Publikum und stagedivet über die Stuttgarter hinweg. Die Menschen tragen ihn, während die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum endgültig aufgehoben scheint.

Genau hier wird deutlich, was eine Bonaparte-Show von einem gewöhnlichen Konzert unterscheidet. Das Publikum ist nicht einfach da, um eine Band anzuschauen. Es wird Teil des Geschehens, Teil der Inszenierung und Teil dieser schrägen Gemeinschaft.

Der Spaß ist dabei auf beiden Seiten spürbar. Auf der Bühne wird herumgealbert, gespielt und provoziert. Davor wird getanzt, gelacht und begeistert mitgemacht. Niemand scheint sich allzu ernst zu nehmen – und gerade das macht den Abend so befreiend.

Ein ruhiger Moment mitten im Zirkus

Zwischen all dem Trubel gibt es auch einen Moment, in dem Bonaparte das Tempo herausnehmen.

Die Band kommt von der Bühne herunter und bewegt sich durch das Publikum. Statt weiter zu eskalieren, werden die Menschen aufgefordert, sich hinzusetzen. Plötzlich wird es ruhiger. Die Menge, die eben noch Teil eines wilden Spektakels war, kommt gemeinsam zur Ruhe.

Akustisch spielen Bonaparte „White Noise“.

Nach den Kostümen, den Spielen, dem schwarzen Schwan, den Champagnerduschen und dem Stagedive wirkt dieser Moment beinahe unwirklich. Die Musik steht im Mittelpunkt, die Distanz zwischen Band und Publikum ist verschwunden. Keine große Geste ist nötig, kein weiterer Überraschungseffekt. Die Band sitzt beziehungsweise bewegt sich mitten unter den Menschen, und alle teilen diesen Augenblick.

Bonaparte © About Musïc | Stephanie Bauer

Gerade dieser Kontrast macht den Moment besonders. Bonaparte können laut, wild und vollkommen überdreht sein. Aber sie können auch eine Atmosphäre schaffen, in der man einfach gemeinsam zuhört.

Vielleicht ist das der Kern dieser Show: Es geht nicht ausschließlich um Exzess. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben – körperlich, unmittelbar und ohne die übliche Distanz zwischen Bühne und Publikum.

Zurück zu den Anfängen: Das Debütalbum im Mittelpunkt

Im Zentrum der Jubiläumstour steht das selbstbetitelte Debütalbum Bonaparte. Es wurde neu aufgelegt und ist exklusiv auf der Tour erhältlich. Damit wird das Jubiläum nicht nur zu einem Blick zurück, sondern auch zu einer Gelegenheit, die Anfangstage der Band noch einmal aufleben zu lassen.

Das Album steht für den ursprünglichen Bonaparte-Gedanken: Punk-Attitüde trifft auf elektronische Beats, auf schräge Ideen und einen Sound, der sich nie um Konventionen geschert hat. Die Musik ist tanzbar, direkt und bewusst ungeschliffen. Sie will nicht gefallen, indem sie sich anpasst. Sie will etwas auslösen.

Die Songs sind ein Stück Bandgeschichte, aber die Show ist alles andere als ein Museumsbesuch. Bonaparte feiern ihre Vergangenheit, indem sie sie wieder lebendig machen.

Das Debütalbum wird so zum Herzstück eines Abends, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen – laut, wild und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Happy Birthday, Bonaparte! Schön, dass der Zirkus wieder da ist.

 

Bonaparte @ Im Wizemann, Stuttgart. 31.10.2026

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